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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - RESCHUT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



RESCHUT

(eig.  "Erlaubnis" oder "Befugnis") bezeichnet im allgemeinen die Räumlichkeit, die unter jemandes Gewalt steht, weiterhin bedeutet es dann auch die tatsächliche Innehabung, den Besitz.  Im einzelnen wird bes. unterschieden zwischen

1. Reschut harabbim (wörtlich: "Räumlichkeit der Vielen"), d. h. ein öffentliches Gebiet, ein Raum, der allen zugänglich ist, also vor allem öffentliche Plätze, Landstraßen, offene Eingangshallen.  Der Höhe nach reicht der R. harabbim nur bis 10 1-landbreiten (etwa 1 Meter); sodann wird gefordert, daß er 16 EIlen = etwa 10 Meter breit sei und daß 600000 Personen, gleich der Zahl der durch die Wüste ziehenden Israeliten, diese Straße insgesamt, nach mancher Ansicht sogar täglich, beschreiten müssen; ein Fußweg (simta) gilt im allgemeinen nicht als öffentliches Gebiet, sondern als Privatbereich (b.  B. B. 76b).

2. Reschut hajachid, wörtlich: "Räumlichkeit des einzelnen", d. h. ein Privatgebiet, eine Räumlichkeit, über die nur ein einzelner zu verfügen hat.  Hinsichtlich des Umfanges werden hier mindestens 4 Handbreiten (knapp 1/2 m) gefordert, hinsichtlich der Höhe 10 Handbreiten (= 1 m).  Auch Geräte (z.  B. Wagen) in diesem Ausmaß inmitten eines öffentlichen Platzes werden als R. hajachid betrachtet.

Die Unterscheidung hat vor allem religionsgesetzlich bei den Bestimmungen betreffend das Verbot des Tragens am Sabbat große Bedeutung, da das Tragen von dem einen Gebiet in das andere sowie innerhalb öffentlicher Gebiete verboten ist.  Bezüglich der Sabbatgesetze kennt das j. Recht 4 Gebiete (b. Sabb. 6a ff.): 1. R. harabbim. 2. R. hajachid. 3. Karmel, d. i. ein großer Platz, der weder als Privatbesitztum noch als freier, allen zugänglicher Platz zu betrachten ist, z. B. ein Raum, der den allgemeinen Zutritt zum öffentlichen Verkehrsweg behindert, ein Winkel eines Privatbesitzes, welcher zu einer Straße führt, ein Säulengang usw.  Der Ausdruck wird im Talmud (j. Sabb. 1, 2d) davon abgeleitet, daß karmel ein mittelmäßig trockenes Korn (weder ganz feucht noch ganz trocken) bedeutet und karmelit demgemäß einen Raum bedeutet, der weder ganz Privatbesitz noch ganz öffentliche Straße, vielmehr ein Zwischenbereich ist. 4. Freier Raum (makom patur), d. h. der Ort, an dem man trotz des Tragens nicht der Sabbatübertretung schuldig - d. h. "frei" - ist.

Wesentlich ist die Unterscheidung auch für die Anwendung der Reinheitsgesetze.  Es gilt der Grundsatz, daß eine zweifelhafte Unreinheit im R. harabbim als rein betrachtet wird, im
R. hajachid jedoch als unrein.

Außer auf religionsgesetzlichem Gebiet ist die Unterscheidung zwischen R. hajachid und harrabim auch auf j.-rechtlichem Gebiet vor allem für folgende 3 Gesetzesbestimmungen von Bedeutung:

1. Bezüglich der Haftung für Schädigungen, die auf öffentlichem oder privatem Gebiet erfolgen, führt die Mischna (B.  K. 3, 1-8) im einzelnen die Bestimmungen auf, die für die im R. harabbim angerichteten Schädigungen gelten (b. B. K. 33a).  Erwähnt sei auch, daß eine Schadenszufügung im Karmelit-Gebiet (s. o.) bisweilen zu vollem Schadenersatz verpflichtet
B. K. 1, 2a).

2. Die unvorsätzliche Tötung zieht nur dann die Strafe der Verbannung in eine Zufluchtsstadt nach sich, wenn die Tötung im R. harabbim erfolgt ist, d. h. in einem Gebiet, das der Getötete betreten durfte.  Dies wird aus Deut. 19, 5 gefolgert, wo es einleitend bei der Aufstellung der Normen für fahrlässige Tötung heißt: "Wer mit seinem Nächsten in den Wald kommt", woraus sich ergibt, daß der Tatort ein für den Getöteten gesetzlich zugängliches Gebiet sein mußte (Makk. 2, 2; b. Makk. 8a ff.).

3. Der Erwerb von Mobilien kann durch das tatsächliche Verbringen in den Privatbereich des Erwerbers erfolgen (b.  B. B. 85a; b. B. M. 1 la).  Diese Besitznahme ist möglich durch Verbringen in den Hof (chazer), aber auch schon in einen Umkreis von 4 Ellen (Arba ammot) oder in ein Gerät (keli) des Erwerbers (s. Kinjan unter B 2). Das kann auch bei der tatsächlichen Entgegennahme des Scheidebriefes (Get) durch die Ehefrau von Bedeutung sein, da nach dem Recht des Talmud der Scheidebrief ihr auch gegen ihren Willen mit rechtlicher Wirksamkeit in ihr Privatgebiet zugeworfen werden kann, also eine ausdrückliche Annahme nicht erforderlich ist.