Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - NEDER

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



NEDER

Plural nedarim, eine durch ein Gelübde freiwillig übernommene Verpflichtung, die sich auf die Person des Gelobenden selbst bezieht. Die allgemeinen begrifflichen und gesetzlichen Bestimmungen sind in der Bibel vor allem in Num. 6, lff.; 30, 2ff. niedergelegt und werden in Mischna und Talmud im Traktat Nedarim sowie bei den Possekim in eingehender Weise behandelt. Die diesen Gesetzesvorschriften zugrundeliegende Auffassung geht davon aus, daß neben den allgemein gültigen religiösen Satzungen eine freiwillige persönliche Bindung des einzelnen möglich ist, die - falls sie in bestimmten Formen ausgedrückt wird - für ihn persönlich zu einem N. wird und damit den religionsgesetzlichen Charakter erhält. Beim N. wird, wie beim Eid, Gott gleichsam als Zeuge für das abgelegte Versprechen angerufen und im Falle der Nichteinhaltung des Versprechens die Bestrafung Gott anheimgestellt.

Mit aller Deutlichkeit wird an verschiedenen Stellen des. j. Schrifttums der Gedanke ausgedrückt, daß diese religiöse Sonderbindung keineswegs ein Ideal darstellt. Der Gelobende wird dem Manne verglichen, der sich einen eigenen Höhenaltar errichtet (Jew. 109b). Der Talmud folgert vom Nasir, der eine bestimmte Enthaltsamkeit (Weingenuß) für beschränkte Zeit auf sich nimmt und ein besonderes Sühneopfer darbringen muß, weil er das den Menschen zum Genuß Erlaubte sich freiwillig versagt hat, wie sehr das Aussprechen eines N. verpönt ist, durch das man sich ein weitergehendes und eventuell auch dauerndes Verbot auferlegt. R. Samuel erklärt denn auch schlechtweg den Gelobenden als Sünder (Ned. 22a). So berichtet der Talmud (Ned. 9b), daß der Hohepriester Simon der Gerechte im allgemeinen nie vom Sühneopfer eines Nasir genossen hat, um damit seine Abneigung gegen jedes N. zum Ausdruck zu bringen. Nur zur Festigung der sittlichen Grundsätze (P. A. 3, 17) in Zeiten der Not wurde ein N. im Sinne des Versprechens einer guten Tat in einer besseren Zukunft als angebracht empfunden; es wird dabei auf das vom Stammvater Jakob gegebene Beispiel verwiesen, der in einer Zeit der Bedrängnis die Verzehntung (Maasser) seines Erwerbes für heilige Zwecke gelobt. Ein lehrreiches Beispiel ist auch das Gelübde der kinderlosen Hanna (l. Sam. 1, 1 1). Dagegen wird das Gelübde des Jefta von den Weisen im Talmud verworfen (vgl. Ta-an. 4 a).

Ein N. kann sich nur auf Sachen, dagegen nicht auf Handlungen von Personen beziehen; das durch den Gelobenden ausgesprochene Verbot wird daher im Talmud als ein "lssur chefza", Verbot hinsichtlich einer Sache, bezeichnet.

Maimonides teilt, anknüpfend wohl an die bereits in der Bibel gegebene Teilung zwischen dem eigentlichen neder und nedawa (Spende), die Nedarim in zwei Gruppen ein:

1. Verbotsgelübde (Nidre issur), durch welche sich der Gelobende eine an und für sich religionsgesetzlich erlaubte Sache verbietet, z. B. der Nasir.

2. Schenkungsgelübde (Nidre hekdesch) alle für das Heiligtum gelobten Schenkungen (vor allem auch Opfer) und Spenden für wohltätige Zwecke. Zu dieser Gruppe gehören vor allem die in Lev. Kap. 27 geschilderten Schätzungen (Arachin), d. h. die Summen, die man als bestimmten Personen- oder Sachwert zu entrichten hat. Bei den Schenkungsgelübden wird zwischen prinzipiell verschiedenen N.-Formeln unterschieden, je nachdem das N. mit den Worten: "ich nehme auf mich" (hare alaj) oder den Worten "ich nehme dieses auf mich" (hare so) ausgedrückt wird (Deut. 23, 23f.). Im ersten Falle hat der Gelobende eine Ersatzpflicht zu leisten, da er persönlich die Verpflichtung übernommen hat, im zweiten Fall jedoch bezieht sich das N. nur auf das geweihte Objekt selbst. Beide Arten von N. können an Bedingungen geknüpft werden, von deren Verwirklichung die Verpflichtung zur Erfüllung der N. abhängig ist. Für die Übertretung der Verbotsgelübde kommt die Norm in Num. 30, 3, bei den Schenkungsgelübden außerdem die in Deut. 23, 22 zur Anwendung.

Das N. erfährt aber insoweit eine erhebliche Einschränkung, als sein Inhalt nicht gegen das jüdische Gesetz verstoßen darf. Wer also z. B. schwört, das Legen der Tefillin zu unterlassen, muß trotz dieses N. seiner Verpflichtung weiterhin nachkommen; wer jedoch bestimmte Tefillin sich versagt, darf während der Gültigkeit seines N. diese zur Erfüllung seiner religiösen Pflicht nicht verwenden.

Die Art der Formulierung des N. nimmt in talmudischen Erörterungen einen großen Raum ein. Neben dem klaren Wortlaut: "ich gelobe ... usw." gab es bestimmte N.-Formeln Jadot, d. h. Handhebungen) sowie Beinamen oder Umschreibungen (kinnuj), auf die das N. gleichfalls Platz greift, ebenso wie auf das durch "Amen" bekundete Einverständnis zu einem von einem andern ausgesprochenen N. Wenn auch im allgemeinen von einem N. abgeraten wird, so lautet doch die unzweideutige Forderung, daß ein einmal ausgesprochenes Wort unbedingt eingehalten werden muß, unter Zugrundelegung der Norm: "Bewahre das deinen Lippen Entsprungene" (Deut. 23, 24).

Um daher bloße Vorsätze des Charakters des N. zu entkleiden, soll man durch die Worte "be- Li neder" ( "ohne Neder") die ausdrückliche Erklärung hinzufügen, daß der Vorsatz nicht den Charakter eines Gelübdes habe (J. D. 203, 4). Im Talmud wurde weiter festgesetzt, daß ein N. nur dann rechtskräftig ist, wenn der Gelobende die Formel aus Lev. 27, 2 und Num. 6. 2 "Ki jafli neder" beachtet und das N. somit im klaren Bewußtsein aller Konsequenzen auf sich genommen hat. Es ist erforderlich, daß die Gesinnung mit dem gesprochenen Wort vollständig übereinstimmt (Piw welibbo schawim). Ein in der Erregung oder zur Bekräftigung einer Ansicht oder in falscher Einschätzung des wahren Sachverhalts ausgesprochenes N. kann von autoritativer Seite für ungültig erklärt werden (Ned. Kap. 3). Hierzu gehören vor allem die im Schreck oder aus Furcht vor räuberischen Angriffen ausgesprochenen Gelübde. Die Möglichkeit der Auflösung der Gelübde (hattarat nedarim) bei entsprechendem Eintritt der Reue (charata) ist zwar (Chag. 1, 8) in der Tora nicht ausdrücklich vorgesehen, ist aber auf eine sinaitische Überlieferung zurückzuführen. Die Auflösung des N. vollzieht sich in der Weise, daß der Gelobende bei Eintritt der Reue zu einem die N.-im-Gesetze beherrschenden Gelehrten (Mumche, resp. zu drei Privatleuten kommt und unter Hinweis auf seine Reue um Auflösung des N. ersucht. Diese wird dann mit der dreimaligen Wiederholung der Formel "es sei dir erlaubt" (muttar lach) vollzogen. Heutzutage ist nur noch die Auflösung durch drei Personen üblich (J. D. 128, 1). Aus der peinlichen Gewissenhaftigkeit des J. in bezug auf jedes, möglicherweise sogai ohne Bewußtsein übernommenes N. ist die Einrichtung des Kol Nidre entstanden.

Eine grundlegende Unterscheidung macht das j. Gesetz zwischen dem N. eines Mannes und dem einer Frau. Während das von einem Mann gesprochene N., sobald es klar und deutlich ausgedrückt ist, für ihn gesetzliche Kraft erhält (Num. 30, 3), unterliegt das N. einer Frau der Bestätigung durch den Vater oder den Ehemann (Num. 30, 4ff.). Am Tage, da der Vater resp. Gatte von N. der Tochter resp. der Frau hören, haben sie das Recht, das N. ohne weiteres durch eine Auflösungserklärung aufzuheben; nur wenn sie dazu schweigen, gilt das N. als bestätigt und tritt damit in Kraft.

In der neuesten Zeit hat sich die Psychoanalyse dem Gebiete des N. zugewandt und - allerdings ohne schlüssige Momente dafür anführen zu können - das N. mit dem Tabubegriff der alten heidnischen Welt in Zusammenhang bringen wollen.