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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - ENTMÜNDIGUNG

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



FIKTION

In der Wissenschaft finden oft Fiktionen Anwendung, durch die aus Gründen der Zweckmäßigkeit für eine bestimmte Erkenntnis ein Tatbestand angenommen wird, von dessen Unwirklichkeit, bisweilen auch Unwahrscheinlichkeit, man zwar überzeugt ist, der aber gleichwohl als ein "Kunstgriff des Geistes" die Erkenntnis oder Formulierung eines Gedankens fördert. Durch die F. wird, ähnlich wie durch die Vermutung (Präsumtion und Chasaka), eine Lücke im Tatbestand oder im Schlusse ausgefüllt. Ein Tatbestand wird, obwohl er unwirklich ist, so angenommen, als ob er wirklich und möglich wäre. In Philosophie, Religion, Natur- und Rechtslehre wird wiederholt mit F.'en gearbeitet und der Neukantianer Vaihinger hat in seiner Philosophie das "als ob" als ein umfassendes System der "theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit aufgrund eines idealistischen Positivismus" aufgebaut (vgl. hierzu die Kritik vom j.-religiösen Standpunkt aus von A. Hoffmann, "Über den Wirklichkeitscharakter der religiösen Ideale", in "Jeschurun" 1915, Jhg. 11, S. 73ff.). Auch im j. Recht, u. zwar sowohl im Gebiete des Privatrechts wie im Rechte des Kultus und des Rituals werden F.'en oft zur Begründung einer Norm wie auch zur Beleuchtung einer Rechtsidee angewandt. Die F. wird im Talmud wiederholt mit dem Ausdruck na-assa keomer lo ("es ist, als ob er ihm erklärt hätte") bezeichnet (vgl. z. B. b. B. M. 34a).

Im Gegensatz zum Scheingeschäft, einem Rechtsgeschäft, in dem die abgegebenen Erklärungen von dem wirklichen Willen der Parteien abweichen, bedeutet die F. somit eine theoretische Konstruktion, die mit einem Rechtsgeschäft verknüpft wird. Als wichtigste F. ist im j. Rechtssystem vor allem die Berera zu nennen, deren Anwendung besonders beim Miteigentum eine bedeutsam Rolle spielt (vgl. hierzu die Forschungen von M. S. Zuckermandel, "Tossefta, Mischna und Barajta in ihrem Verhältnis zueinander", Bd. 11, S. 147ff. und das dortige Quellenmaterial).

Eine bedeutsam Rolle spielt die F. ferner beim Erwerbsakt (Kinjan). Insbesondere wird die Zulassung der Zession eines Darlehens in Gegenwart von 3 Personen (ma-amad scheloschtam s. Kinjan unter C 2) ausdrücklich mit der F. begründet: "Es ist so, als ob er im Zeitpunkt der Entgegennahme des Darlehens dem Gläubiger erklärt hätte: Ich unterwerfe mich dir und allen deinen Rechtsnachfolgern" (b. Gitt. 13b). Auch bei der Eheschließung findet die F. in mancher Hinsicht Anwendung. Zunächst wird bei der Antrauung der Ehefrau ein Kauf derselben durch ein Kaufsymbol fingiert (s. Eherecht); durch die Chuppa wird sodann die F. der tatsächlichen Vereinigung der Ehegatten geschaffen. Von Bedeutung ist die F. besonders bei der Eheschließung, von der angenommen wird, daß sie nur aufgrund der von den Gelehrten vorgeschriebenen Gesetze vollzogen wurde (kol dimekaddesch ada-ata derabbanan mekaddesch, Gitt.33a). Bezüglich des Inhalts der Erklärungen beim Eid wird gleichfalls fingiert, daß die Ansicht der j. Rechtslehrer resp. des Gerichts den Erklärungen zugrunde liegen und gedankliche Vorbehalte daher keine Geltung haben (b. Kidd. 49b; b. Ned. 25a). Es wird somit für gewisse Willenserklärungen ein bestimmter Inhalt von Gesetzes wegen angenommen.

Als Beispiele der F. seien noch erwähnt:

Mit der F., der Reiche habe sein Eigentum gänzlich derelinquiert und genieße somit die Vorteile des Armen wird der Satz der Mischna (Pea. 4, 9) gerechtfertigt, daß jemand die Ecke seines Feldes für einen bestimmten Armen erwerben (s. S6chija), d. h. ihm zuweisen kann. Zugunsten der Armen wird ferner durch Raba die F. aufgestellt, daß auch den Minderjährigen das Recht des Eigentumserwerbs zustehe (assu sche-eno soche kesoche, b. B. M. 12b).

Bei der Freilassung des kanaan. Sklaven durch Übergabe einer Urkunde an ihn wird die F. aufgestellt, als ob Urkunde und Besitzrecht gleichzeitig in Erscheinung träten (gitto wejado ba-in keechad), so daß der Sklave, der zuvor alles für seinen Herrn erwirbt, die Befreiungs-Urkunde im Moment der Freilassung für sich selbst erwerben kann (b. Kidd. 23a).

Beim Anfall einer Erbschaft wird im Fall des gleichzeitigen Todes von mehreren Erblassern beim Einsturz eines Hauses nach einer Ansicht mit Hilfe einer F. angenommen, der Tod derselben sei im gleichen Moment eingetreten (B. B. IX 8, 9; b. B. B. 157a ff.), so daß auch das Erbrecht der verschiedenen in Betracht kommenden Erben entsprechend dieser F. seine Regelung findet.