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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - CHASAKA

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



CHASAKA

ein vielfach verwendeten Begriff, der urspr. Stärke, Gewalt, Besitzrecht bedeutet; bibl.-hebr. choska, Härte, z. B. Ri. 8, 1; 1. Sam. 2, 16.

1. Im rabbinischen Zivilrecht

Der Ausdruck dient im j. Recht vor allem zur Bez. des Festhaltens am bisherigen Besitz oder an den bisherigen Vermutungen und entspricht etwa dem Begriff der Präsumtion (Rechtsvermutung), wobei dann die verschiedenen besonderen Arten durch ein weiteres ergänzendes Wort gekennzeichnet werden. Unter Ch. beim Erwerb der Immobilien wird deren Besitzergreifung verstanden, die, um einen Erwerb zu begründen, in Gegenwart der Gegenpartei erfolgen muss (s. Kinjan, A 3).  Diese Erwerbsart für Immobilien entspricht dem Ergreifen (meschicha, eig.  Ansich-Ziehen) für Mobilien (bewegliche Güter).

Ch. schlechthin bedeutet jedoch die Rechtsvermutung aufgrund von Besitz.  Sie bewirkt eine Bestärkung der Wahrscheinlichkeit, dass der Besitzzustand auch den zugrunde liegenden Eigentumsverhältnissen entspricht. Diese Ch. ist wiederholt irrtümlich als "Ersitzung" (Usukapion des röm. Rechts) aufgefasst worden, so auch von Joseph Kohler in seiner Darstellung des talmudischen Rechts aufgrund der Talmudübersetzung von Lazarus Goldschmidt. Eine Ersitzung kennt jedoch das j. Recht nicht, und dass Ch. nicht diese Bedeutung haben kann, ergibt sich aus einer Talmudstelle (b. B. B. 55a), in der unter Anwendung eines anderen Ausdrucks von der Ersitzung nach pers. Recht die Rede ist.  Die Ch. an Immobilien kann dann geltend gemacht werden, wenn drei Jahre ununterbrochen gegen deren Besitz kein Einspruch (mecha-a) erhoben wurde (B. B. 3, lff.; b. B. B. 28a ff.). Beruft sich der Besitzer auf diese Ch., so darf er nach der Leistung des "Hesses"-Eides (s. Eid), das Grundstück behalten. Bei Festsetzung dieser dreijährigen Frist wird im Talmud davon ausgegangen, dass der urspr.  Eigentümer jedenfalls nicht volle drei Jahre ein ihm gehörendes Grundstück vernachlässigen würde; anderseits wird angenommen, dass der Besitzer nicht länger als drei Jahre Veranlassung hat, die urspr. Kauf-Urkunde aufzubewahren. Bei der Dauer von drei Jahren wird gleichzeitig an die drei landwirtschaftlichen Kulturperioden gedacht.  So erklärt sich auch, dass diese dreijährige Frist im siebenten Jahre, dem Schemittajahre, ruht und dass sie ferner auf Grundstücke, deren Früchte aus religionsgesetzlichen Gründen (z. B. Lev. 19, 23) verboten sind, keine Anwendung findet.

Außer diesem dreijährigen Besitz ist eine wesentliche Voraussetzung der Ch., dass sie auf einer rechtlichen Begründung (ta-ana) beruht, d. h. der Besitzer muss geltend machen, dass er durch Kauf, Schenkung oder Erbschaft die Liegenschaft urspr. erhalten hat. Der Hinweis auf den bloßen Besitz begründet somit kein Recht. Der Besitzer (machsik), der sich auf die Ch. beruft, geht dieser Präsumtion jedoch durch einen Einspruch verlustig, den der Eigentümer (muchsak), wenn auch nur einmalig, im Laufe der drei Jahre vor Zeugen zu erheben hat.  Als solcher Einspruch gilt auch der Verkauf durch den Eigentümer an einen Dritten.

Bei Mobilien hingegen gilt diese Ch. uneingeschränkt, indem ohne weiteres angenommen wird, dass der Besitzer auch Eigentümer ist. Hingegen werden Sklaven den Immobilien gleichgestellt; für sie gilt somit die Ch. erst unter den vorerwähnten Einschränkungen (dreijährige Frist, Rechtstitel, fehlender Einspruch). Ch. kann nur von j. Volksgenossen und nur von Personen mit gutem Leumund (b.  B. B. 36a; 47b) geltend gemacht werden.

Ferner wird hervorgehoben (b. B. B. 42a ff.), dass folgende Personen sich nicht auf die Ch. berufen können, die zumeist aufgrund eines besonderen Rechtsverhältnisses für längere Dauer im Besitze fremden Eigentums sind und daher folgerichtig aus ihrem Besitze keine Rechte sollen ableiten können:

1. Der Handwerker, der das Material zur Verarbeitung vom Besteller erhält und, z. B. als Bauhandwerker, während mehrerer Jahre mit einem Bau beschäftigt ist;

2. der Pächter, der ein ihm zugewiesenes Feld gemäß vertraglichen Vereinbarungen oft für eine Dauer von vielen Jahren bebaut;

3. der Teilhaber, der gemeinsam mit einem anderen ein Grundstück besitzt, in seinem Verhältnis zum andern Gesellschafter;

4. der Vormund, der für Minderjährige oder Entmündigte (s.  Handlungsfähigkeit und Vormund) ein Gut zu verwalten hat.  Aus den gleichen Gründen kann auch von keiner Seite die Ch. gegenüber dem Handlungsunfähigen geltend gemacht werden, da diese keinen Schaden dadurch erleiden dürfen, dass ihre Vertreter den nötigen Einspruch unterlassen haben;

5. der Exilarch, der ein Vasall der pers.  Krone war und das politische Oberhaupt der in Babylonien unter pers.  Herrschaft lebenden J. bildete.  Die merkwürdige Anordnung, dass auch dieser auf die Ch. sich nicht berufen darf und daß auch ihm gegenüber die Ch. nicht geltend gemacht werden kann (b.  B. B. 36a), wird von Maimonides (Hilchot To-en 13,10) damit begründet, dass dieser Exilsfürst und seine Angehörigen eine derartige Machtstellung einnahmen, dass wohl kaum jemand gewagt hätte, ihnen gegenüber Protest einzulegen.  Späterhin wurde diese Vorschrift dahin erweitert, dass derjenige sich nicht auf die Ch. berufen durfte, der so mächtig war, dass die Möglichkeit bestand, dass aus Furcht vor seiner Machtstellung die Protesterhebung unterblieb;

6. die Ehegatten in ihrem Verhältnis unter sich sowie die in Hausgemeinschaft lebenden Eltern und Kinder dürfen sich gleichfalls nicht auf die Ch. berufen, weil angenommen wird, dass diese in Gütergemeinschaft lebenden Personen bei der Geltendmachung ihrer Rechte es nicht so genau nehmen und daher aus der Unterlassung der formellen Protesterhebung keine Rechte abgeleitet werden sollen.

Hört eine der vorerwähnten hindernden persönlichen Eigenschaften in der Person des Besitzers auf, so steht ihm die Ch. gegen den Eigentümer wieder zu.

Besonderes Interesse bietet eine Vergleichung der Ch. mit der deutschrechtlichen Gewere, wie sie Isay Lewin in seiner gründlichen Arbeit vorgenommen hat.

2. Im rabbinischen Strafrecht

Hier konnte die Ch. als Grundlage für die Erhebung einer Anklage dienen, deren Endergebnis Leibes- und selbst Todesstrafe waren. Wer z. B. infolge von Ch. als blutsverwandt gilt (und die für Blutsverwandte geltenden Verbote Lev. 18, 6-18 übertritt), wird aufgrund dieser Ch. abgeurteilt, obwohl sonst kein klarer Beweis dafür vorhanden ist, dass Blutsverwandtschaft vorliegt. Indes gilt die Ch. nicht uneingeschränkt; z. B. nicht, wenn Aufklärung des Tatbestandes möglich war, oder bei Gegenständen, die verliehen oder vernichtet werden, oder beim Tempel- oder öffentlichen Gute.