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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - AREWUT

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



AREWUT

die j.-gesetzliche Solidarbürgschaft. Außer der Bürgschaft im Sinne einer Verpflichtung als Nebenschuldner neben dem Hauptschuldner (selbstschuldnerische Bürgschaft), die sich im Privatrecht findet, kennt das j. Recht eine gegenseitige religionsgesetzliche Verantwortlichkeit, die in religiösethischen Vorstellungen verankert ist und die einer moralischen gesetzlichen Bürgschaft aller j. Volksgenossen gleichkommt. Sie geht bereits auf alte j. Quellen zurück (Sifra zu Lev. 26, 37), wo sich der oft zitierte Satz findet: Kol Jisra-el arewim se lase, "Alle Israeliten bürgen füreinander"; vgl. auch b. Sanh. 27b, Schew. 39a und R. H. 29a, Raschi z. St.; Jalkut zu Spr. 6, 1 und Schir haschirim R. 1, 3). Die Haggadisten bedienen sich zur Charakterisierung des sinaitischen Bundesverhältnisses mit Vorliebe des Rechtsbegriffes der Bürgschaft. Die patriarchalische Stammes- und Geschlechtsverfassung im alten Israel trug früh zur Ausprägung der Haftungsidee bei. Die Familie (mischpacha) haftet, vertreten durch ihre Ältesten, für die Schuld ihrer Angehörigen; der ganze Stamm ist moralisch und materiell haftbar und bildet eine zivil- und strafrechtliche Einheit. Auch der Akt der sinaitischen Gesetzgebung (Ex. 24, 3ff.) erscheint von bürgschaftsähnlichen Rechtsgedanken erfüllt. Gott erscheint als der Herr, dem Gesetzesbeachtung geschuldet wird, und die Kinder Israel, einer für alle, als Solidarschuldner, so daß jeder einzelne als Schuldner gegenüber Gott und zugleich als Bürge für die Volksgenossen in diese Schuldverpflichtung eintritt. In diesem Sinn bedeutet somit der Satz "Alle Israeliten bürgen füreinander" eine juristische Solidarhaftung, übertragen auf das religiös-nationale Gebiet. Ähnliche Gedanken finden sich schon im Midrasch Tanchuma (zu Gen. 44, 18): "Abraham, Isaak und Jakob waren Bürgen für Israel", und "Unsere Kinder sind unsere Bürgen", Gedanken, denen die Vorstellung zugrunde liegt, daß Gott als der Schuldherr zur Sicherstellung des Sinai-Bundes nach geeigneten Bürgen Umschau hält.

Die Auswirkungen dieses moralischen Bürgschaftsgedankens "Alle Israeliten bürgen füreinander" gehen sehr weit und finden insb. in dem Gesetze betr. Sühnung eines unaufgeklärten Mordes (Egla arufa, Deut. 21, lff.) eine deutliche halachische Ausprägung. Dort müssen die die Gemeinschaft vertretenden Ältesten der Sta dt, in deren Nähe sich ein Mord ereignete, dessen Täter unbekannt geblieben ist, ein Opfer bringen und zur Versicherung ihrer Unschuld die feierliche Erklärung abgeben, daß sie das Blut des Ermordeten nicht vergossen haben. Deutlich ergibt sich die rechtliche Wirksamkeit der Haftung des Stammes für den einzelnen auch aus dem Bericht über den Diebstahl des Achan, für dessen Tat zunächst ganz Israel, dann der Stamm, dann die Familie und schließlich das Haus zur Verantwortung gezogen wird, bis sie durch Vollziehung der Todesstrafe an dem der Tat überwiesenen Täter ihren rechtlichen Abschluß findet (Jos. 7, lff.). Manche Lehrer im Talmud gehen so weit, dieses Verantwortlichkeitsprinzip nicht nur als eine moralische Solidarität, sondern auch als eine rechtliche Verantwortlichkeit des einen für den anderen zu werten und finden diesen Grundsatz bereits in Lev. 26, 37 angedeutet, wo, abweichend vom Wortlaut des Bibeltextes, "und sie straucheln einer durch die Sünde des anderen" übersetzt wird.

Die Idee einer Solidarbürgschaft wird vor allem in zweifacher Hinsicht im j. Schrifttum angewandt: Sowohl in dem Sinne, daß für die Verfehlung eines J. sämtliche Mitglieder der j. Gemeinschaft zur Verantwortung gezogen werden können, wie auch als Verpflichtung, sämtliche j. Volksgenossen von Verfehlungen abzuhalten und auf den rechten Weg zu weisen. Eine besonders beachtenswerte halachische Ausprägung hat diese Idee z. B. auch in den Sche-elot uteschuwot des Gaon R. Jizchak Elchanan Spektor von Kowno, einer der bedeutendsten halachischen Autoritäten des 19. Jh., erfahren (En Jizchak, Sche-elot uteschuwot, E. H. 1, 2), der diesen Bürgschaftsgedanken sogar noch auf die zu anderen Religionsgemeinschaften übergetretenen J. erstreckt wissen will.

Der erwähnte Satz wird vielfach zitiert, um die Verpflichtung zu jüdischer Solidarität gegenüber allen in Galutländern leidenden J. darzutun, und ist von der "Alliance Israelite Universelle" als Motto für ihre Bestrebungen gewählt worden. In der j.-gemeindepolitischen Stellungnahme der Gegenwart hat diese Bürgschaftsidee ihre besondere Ausprägung gefunden.