Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - ERSTE ABTEILUNG - Allgemeine Rechtsbegriffe - ANDROGYNOS

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



ANDROGYNOS

(aus dem griech. Mannweib), Zwitter oder Hermaphrodit, besitzt von Geburt in unnatürlicher Weise beiderlei Geschlechtsteile, so dass nicht unterschieden werden kann, ob er als Mann oder als Frau anzusehen ist (Bikk. 4, 5).  Da die Rechte und Pflichten von Mann und Frau im j. Recht in vielfacher Beziehung verschieden sind, musste die rechtliche Stellung des A. als Mannweib besonders geregelt werden. Der letzte Abschnitt der Mischna Bikkurim (Kap. 4) statuiert diese Rechte und Pflichten genau, in Abgrenzung von der üblichen Rechtsstellung von Mann und Frau.

Der A. ist insofern rechtlich schlecht gestellt, als er zwar fast alle Pflichten, nicht aber alle Rechte des Mannes genießt.  Er ist zunächst, wie der Mann, zur Beobachtung aller Gesetze der Tora verpflichtet; so wird erwähnt, dass die Beschneidung an ihm am 8. Tage vollzogen wird, jedoch darf wegen des Zweifels über sein Geschlecht die Beschneidung nicht wie sonst, entgegen dem allgemeinen Arbeitsverbote, auch am Sabbat vollzogen werden (Sabb. 19, 3).  Seine Ehe mit einer Frau ist rechtsgültig wie die eines normalen Mannes, eine Ehe mit einem Manne ist dagegen unzulässig (b. Jew. 8 la ff .; anderer Ansicht sind Rosch und Tur, vgl.  E. H. 44, 5); er trägt Männerkleidung, ist dem Verbote des Bart-Rasierens und des Peot-Schneidens unterworfen, und es gelten für ihn die Reinheitsgesetze des Mannes und der Frau (Saw. 2, 1).  Gleich der Frau kann er nicht als Zeuge auftreten (Maimonides, Hilchot edut 9, 3; Ch. M. 35, 14) und genießt, auch wenn er aus priesterlichem Geschlecht stammt, keine Priesterrechte; er darf jedoch Teruma genießen (b. Jew. 72a).

Seine Vorteile gegenüber dem normalen Menschen bestehen vor allem darin, daß er nicht als Sklave verkauft werden kann. Er ist ferner befreit von der Wallfahrtspflicht (Chag. 1, 1); dagegen hat er die Erstlinge darzubringen, jedoch spricht er das übliche Dankgebet nicht (Bikk. 1, 5).  Nachteilig ist die Stellung des A. im besonderen auf dem Gebiet des Erbrechts: er teilt weder mit seinen Brüdern den väterlichen Nachlass, noch wird er, wie seine Schwestern, aus diesem Nachlass unterhalten (B. B. 9, 2).  Ferner fehlen ihm die Rechte der Erstgeburt (b.  B. B. 126b). Auch für ein erstgeborenes Zwittertier gelten die Bestimmungen betr. die Erstgeburt nicht, und der Eigentümer darf das Tier zur Arbeit verwenden und es genießen.

Die nachtalmudischen Gelehrten haben den Erörterungen über die Stellung des A. besonderes Interesse entgegengebracht.  Maimonides scheidet den A. aus dem Institut der Schwagerehe (Jibbum) völlig aus, weil er nicht zeugen kann. Er darf daher die kinderlose Frau seines verstorbenen Bruders nicht heiraten und braucht sie auch nicht durch den Akt der Chaliza freizugeben (Maimonides, Hilchot Jibbum wechaliza 6, 2).

Besonders hervorgehoben wird, dass der A. als Mensch zu betrachten ist und dass seine Tötung wie die eines andern Menschen strafbar ist.  Auch wird er selbst wie der widerspenstige Sohn gesteinigt, wenn er seinen Eltern flucht (b. Sanh. 66a).  Von Adam, dem ersten Menschen, von dem es Gen. 5, 2 heißt: "Mann und Weib erschuf er sie", wird in Midrasch Bereschit R. 8, 1 gesagt, dass er als A. erschaffen wurde.