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JÜDISCHES RECHT

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Israel - Jüdisches Recht im jüdischen Staat

Israelisches Recht

Jüdisches Recht im jüdischen Staat

von Izhak Englard[1]

Wir gedenken heute eines hervorragenden jüdischen Rechtsgelehrten, Marcus Cohn, der nach Israel berufen wurde, um den Versuch jüdisches Recht im jüdischen Staat einzuführen nachhaltig zu beeinflussen. Seither sind fünfzig Jahre vergangen, eine genügend lange Zeitepoche um den Versuch nun auch rückblickend zu beurteilen. Der Versuch selbst ist natürlich ideologisch begründet, doch knüpfen sich daran schwerwiegende, methodologische wie auch kulturelle Probleme, die von großer und zum Teil universaler, wissenschaftlicher Bedeutung sind. Mein Vortrag wird sich, im beschränkten zeitlichen Rahmen, damit auseinandersetzen.

Ich beginne mit einem Zitat aus dem Vorwort Haim Cohns zum Wörterbuch des jüdischen Rechts, das die Beiträge Marcus Cohns zum "Jüdischen Lexikon" zusammenfasste: In der Begeisterung über die neu errungene Unabhängigkeit vom englischen Regime bestand damals eine leicht erklärliche, volkstümliche Tendenz, das englische Gesetz abzuschaffen und das jüdische Recht an seine Stelle zu setzen. Auch in Israel machten sich die wenigsten Juristen eine klare Vorstellung vom Wesen und Inhalt des jüdischen Rechts. Es genügte prima facie, dass es "jüdisch" und ein Rechtssystem war, um es ausreichend qualifiziert erscheinen zu lassen. Die verantwortlichen Sachberater konnten sich mit solch laienhaften Vorstellungen nicht begnügen und es wurde beschlossen, einen Experten als Sachberater für jüdisches Recht zu ernennen, dessen Aufgabe es sein sollte, für jedes Thema, das auf der Tagesordnung der Gesetzgebungsorgane gesetzt werden sollte, zuerst einmal die aus den Quellen des jüdischen Rechts herzuleitenden Lösungen ausfindig und bekannt zu machen. Wir brauchten nicht nur einen Rechtsgelehrten, der in die Geheimnisse des jüdischen Rechts eingeweiht war, sondern auch einen Rechtspraktiker, der aus langjähriger europäischer Erfahrung ein treffsicheres Gefühl dafür haben würde, was aus dem jüdischen Recht für eine moderne Gesetzgebung verwendbar und was unverwendbar wäre. In den wenigen Jahren seiner Tätigkeit in Jerusalem hat Marcus Cohn entscheidend dazu beigetragen, die Grundlinien einer Gesetzespolitik festzusetzen, die bis auf den heutigen Tag in Kraft geblieben sind, nämlich bei der Bearbeitung eines jeden Gesetzgebungsproblems zuvörderst jüdisches Recht geprüft und auf seine Verwendbarkeit oder Anpassungsfähigkeit untersucht wird und alle anderen Quellen oder Muster aus fremden Rechtsystemen hinter dem jüdischen Recht rangieren und erst nach dessen Ablehnung in Erwägung gezogen werden.

Seit diesen Worten sind wieder mehr als zwanzig Jahre vergangen, und auch sie können im Rückblick kritisch bewertet werden. In der Tat, Haim Cohns vorgeschlagene Methodologie ist alles andere als unproblematisch oder unbestritten. Es ist mir auch zweifelhaft, ob Marcus Cohn seine Aufgabe in diesem Sinne betrachtete.

Jüdisches Recht ist seinem Wesen nach religiöses Recht. Dies bedeutet normativ gesehen, dass die Grundnorm transzendenten Charakter hat: Gottes offenbartes Gesetz soll befolgt werden. Das offenbarte Recht ist allumfassend und von dauernder Gültigkeit; seine verbindliche Auslegung ist den Schriftgelehrten überlassen. Die Grundnorm des staatlichen Rechts ist offensichtlich weltlich: befolgt werden sollen menschlich gesetzte Normen. Was für eine grundsätzliche Bedeutung hätte nun die Rezeption des jüdischen Rechts durch das staatliche Recht? Die Antwort hängt offensichtlich vom ideologischen Ausgangspunkt ab, der hinter dieser Rezeption steht. Zwei verschiedene Ideologien befürworten die Einführung jüdischen Rechts in das staatliche Rechtssystem.

Die eine Anschauung betrachtet das jüdische Recht als hervorragendes kulturelles Erbe, das während Jahrtausenden im Zentrum des jüdischen Volkes stand. In der Tat, innerhalb des Zionismus entstand eine starke Bewegung, die die Renaissance des jüdischen Rechts als eigenständiges, nationales Recht im zukünftigen Staate anstrebte. Tief beeinflusst von Savignys historischer Schule, wurde das jüdische Recht als eine organische Schöpfung des jüdischen Volksgeists aufgefasst, das analog zur hebräische Sprache, als kulturelles Erbe in der nationalen Heimstätte wieder belebt werden sollte. Die meisten Anhänger dieser Bewegung waren jedoch von einer laizistischen Ideologie beherrscht. Sie betrachteten die ursprüngliche religiöse Natur des jüdischen Rechts als eine pure äußere Form, die im zwischenmenschlichen Bereiche leicht von der kulturellen, inneren Substanz getrennt werden konnte, wie eine Frucht von ihrer Schale. Das wesentliche Element des Rechts war diese Substanz, die der menschlichen Auswahl und Entwicklung unterlag[2]. Eine Folge dieser Bewegung war die Errichtung im Jahre 1909 des so genannten "Hebräischen Friedensrechts", das ein freiwilliges hebräischrechtliches Schiedsgerichtswesen ins Leben rief. Es hatte einigen Erfolg in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, doch ein Jahrzehnt später klang die Initiative, die ihres Laizismus wegen von religiöser Seite mit großem Misstrauen betrachtet wurde, ab. Doch einige wichtige Anhänger der Bewegung waren weiter tätig in der Erstrebung das jüdische Recht aus national-kulturellen Gründen als Grundlage des Rechts im zukünftigen Staate zu gestalten. Rückblickend betrachtet muss der Versuch, das israelische Recht auf jüdisches Recht zu gründen, als gescheitert beurteilt werden. Abgesehen vom Ehe- und Scheidungsrecht, das historisch dem religiösen Recht und der religiösen Gerichtsbarkeit unterworfen war und teilweise weiter ist, zeigen weder das öffentliche noch das Privatrecht markante jüdischrechtliche Charakteristiken. Dies ist umso bedeutender, als das aus der Mandatszeit übernommene türkische und englische Privatrecht, durch ein eigenständiges israelisches Recht stufenweise ersetzt wurde. Eine Kommission bereitet ein bereinigtes, einheitliches, bürgerliches Gesetzbuch vor, das die einzelnen Gesetze zu einer Kodifikation zusammenfasst.

Was sind die Gründe dieses Misserfolgs? Hier eine kurze Darstellung. Zuerst die national-kulturellen Bestrebungen, jüdisches Recht ins staatliche Recht zu integrieren. Wie erwähnt, ist der Ausgangspunkt laizistisch. Die religiöse Dimension des Rechts wird als unerheblich betrachtet. Die Frage stellt sich nun ob es überhaupt möglich ist, eine kulturelle Dimension von der religiösen zu trennen, ohne die Grundlagen des jüdischen Rechts zu erschüttern. Ich werde diese Frage vom religiösen Standpunkt aus gesehen besonders behandeln. Aber auch vom rein national-kulturellen Gesichtspunkt aus ist eine solche Trennung problematisch. Was macht denn eigentlich die Eigenart eines Rechtes aus? Meiner Meinung nach liegt die Besonderheit eines Rechtssystem zur Hauptsache nicht in der spezifischen Lösung eines Problems, sondern vielmehr im normativen Wege, dem iter, der zur Lösung führt. Denn meistens sind die möglichen Lösungen eines Rechtsproblems zahlenmäßig beschränkt. Dies bedeutet, dass viele Rechtssysteme eine ähnliche oder sogar identische Lösung kennen. Dies ist vor allem zutreffend im Privatrechtsbereich, abgesehen vom Ehe- und Scheiderecht. Wird nun allein die Lösung des jüdischen Rechts in das staatliche Recht rezipiert, dann deutet nichts auf das spezifisch Jüdische, da eine identische Lösung in zahlreichen andern Systemen zu finden ist. Wird nun eine ganz besondere Lösung im jüdischen Recht bestehen, dann ist anzunehmen, dass diese nach Ansicht der Experten den heutigen Bedürfnissen nicht mehr entspricht.

Ein weiterer Einwand zur national-kulturellen Ideologie ist prinzipieller Art: Das moderne Recht entbehrt in großen Teilen national-kulturelle Bedeutung. Die Idee der historischen Schule, dass Recht ein Produkt des Volksgeistes sei, gehört der Romantik an, wie auch der Vergleich zwischen Sprache und Recht. Wie immer auch es geschichtlich ausgesehen hat, in der heute post-industriellen, globalisierten Welt, ist das Recht zum großen Teil eine universale Technologie, an die sich die verschiedenen Staaten anpassen. Die starken, internationalen Tendenzen zur Rechtsvereinheitlichung bezeugen die Relativität der kulturellen Bedeutung der rechtlichen Lösungen. Natürlich bestehen in verschiedenen Bereichen schwerwiegende, ethische Probleme, deren Lösungen große kulturelle Bedeutung haben, doch ist dies, vor allem im Gebiete des Vermögens- und Handelsrecht, die große Ausnahme. Ethisch-kulturelle Problematik erscheint vor allem in Fragen wie der Sexualität, Genetik, Euthanasie, Fragen, also, die auch religiösrechtlich erheblich sind als Gebote und Verbote.

Kommen wir zurück zur Art der Rezeption. Rechtliche Lösungen an sich sind also schwerlich als kulturell eigenartig zu bezeichnen. Es ist, wie erwähnt, der Weg zur Lösung der das besondere im Recht darstellt. Im jüdischen Recht, das keine Kodifikation im modernen, engem Sinne kennt, würde das eine Bezugnahme auf sämtliche Quellen der rabbinischen Literatur bedeuten. Ob dies von allgemeiner kulturellen Bedeutung ist lasse ich dahingestellt. Es könnte sich nämlich zeigen, dass dies nur für eine beschränkte Anzahl von juristischen Experten von Interesse ist. Wer liest denn sonst die Begründung eines Urteils? Meistens sind sogar die vom Urteil berührten Parteien nur am Endresultat interessiert. Recht ist nämlich, im Gegensatz zur romantischen Vorstellung des 19. Jahrhunderts, keine volkstümlich zugängige Materie.

Es waren jedoch die laizistischen Experten, die zögerten das jüdische Recht in toto zu rezipieren, wie etwa durch einen allgemeinen Verweis aufs jüdische Recht. Es wurde zwar kürzlich behauptet, die (auch nur teilweise) Nichtrezeption des jüdischen Rechts wäre ein historisch zufälliges Versäumnis, das durch die äußeren Umstände vor der Unhabhängigkeit verursacht worden seien. Diese Erklärung scheint mir zu einfach. Meiner Ansicht nach überwiegten die Befürchtungen der laizistischen Kreise, das religiöse Recht unkontrolliert mittels eines Generalverweises zu integrieren. In der Tat, als 1980 die Knesset, die aus der englischen Mandatszeit stammende Gesetzesverordnung des Artikels 46 des Palestine Order in Council, aufhob, ersetzte sie das englische Recht nicht einfach mit einem direktem Verweis auf das jüdische Recht. Ganz kurz erklärt: Artikel 46 bestimmte, dass im Falle einer Gesetzeslücke, diese mit Hilfe des englischen Rechts zu füllen sei. Die Knesset, bestrebt diese fortgesetzte Abhängigkeit vom englischen Recht zu lösen, bestimmte im so genannten Gesetz über die Grundlagen des Rechts, 1980, dass im Falle einer Gesetzeslücke, das Gericht gemäß den Grundsätzen der Freiheit, Gerechtigkeit, Billigkeit und Friedens des Erbgutes Israels zu entscheiden habe. Der Ausdruck "Erbgut Israels" war eine Kompromissformel, um einen direkten Verweis auf das jüdische Recht zu umgehen. Ich werde später auf die Bedeutung dieses Gesetzes kurz zurückkommen.

Zusammenfassend: vom rein national-kulturellen Gesichtspunkt aus gesehen ist es äußerst zweifelhaft inwiefern das heutige moderne Privatrecht eine spezifisch kulturelle Bedeutung besitzt. Dazu gesellt sich der aktuelle Zustand des jüdischen Rechts in diesen Gebieten. Es ist für die meisten Juristen schwer zugänglich, da es unkodifiziert und von sehr umfangreichen Quellenmaterial ist. Dazu kommt, dass in vielen Fragen Meinungsverschiedenheiten bestehen. Im öffentlichen Recht besteht die grosse Schwierigkeit, dass ein moderner, liberaler jüdischer Staat der jüdischen Tradition fremd ist, da es seit der Antike keinen unabhängigen jüdischen Staat mehr gab. Ich komme jetzt zur Problematik der Rezeption des jüdischen Rechts durch das israelische Recht vom rein religiösen Gesichtspunkte aus gesehen. Ein erstes Bedenken ist grundsätzlicher Art: Die Rezeption durch das staatliche Recht an sich bedeutet eine Säkularisierung des religiösen Rechts, da die Grundnorm, das Kriterium der Gültigkeit der Normen, wechselt. Religiösrechtliche Normen erhalten ihren Wert und Existenz von der staatlichen Grundnorm. Die transzendente Hypothese göttlicher Gebote, verwandelt sich in eine rein menschliche Angelegenheit. Dies an sich wäre vielleicht ein lediglich abstrakter Einwand, der durch die materielle Anwendung des religiösen Rechts außer acht gelassen werden könnte. Viel schwerwiegender ist die Tatsache einer nur teilweisen Rezeption. Wie erwähnt, prüft der Gesetzgeber die "Verwendbarkeit" und "Anpassungsfähigkeit" des jüdischen Rechts. Es werden also nur solche Normen rezipiert, die nach laizistischer Auffassung den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft angepasst sind. Dies bedeutet, dass sich der Gesetzgeber erlaubt, die religiösen Normen einer laizistischen Kritik zu unterwerfen und die als unpassend gefundenen zu verwerfen. Diese Anmaßung muss den religiösen Kreisen als äußerst störend erscheinen. Es kann deshalb nicht überraschen, dass ein solcher Ausgangspunkt von orthodoxen Rabbinern strikt abgelehnt wurde. Es wird zwar von orthodoxer Seite anerkannt, dass das traditionelle jüdische Recht die moderne Wirklichkeit nicht erfasst hat, und viele neue rechtliche und wirtschaftliche Institutionen gar nicht kennt. So zum Beispiel ist der Begriff einer juristischen Person, also die der Aktiengesellschaft, völlig unklar, wenn nicht sogar inexistent. Doch ist der laizistische Gesetzgeber im Selbstverständnis des halachischen Judentums nicht zuständig diese Aufarbeitung des religiösen Rechts vorzunehmen. Er ist auch nicht zuständig die vielfältigen Meinungsverschiedenheiten der Rabbiner zu entscheiden.

Ein weiteres Hindernis ist der Rechtsfindungsprozess durch die richterlichen Institutionen. Wenn sogar das jüdische Recht in toto rezipiert würde, die Anwendung durch laizistische Richter stellt ein weiteres schwerwiegendes Problem dar. Das rabbinische Judentum war sich voll bewusst, dass die juristische Methode und Begriffswelt keine formallogische Deduktion zur Lösung eines rechtlichen Problems bieten können. Die Grundhaltung des Richters hat einen entscheidenden Einfluss auf den richterlichen Spruch. Deshalb besteht die unverzichtbare Forderung darauf, dass der Richter gläubig und gottesfürchtig sein muss. Fehlt diese Voraussetzung, dann kann weder dieser Richter noch sein Spruch als legitim vom religiösen Standpunkte aus betrachtet werden.

Um diesen Punkt kurz zu illustrieren einige einfache Beispiele: Nehmen wir an das Gericht hat zu entscheiden wer von zwei getrennten Elternteilen die Fürsorge eines Kindes erhält. Das Kriterium ist das Wohl des Kindes. Für einen religiösen Richter, ist hier die Art der Erziehung ausschlaggebend. Der Elternteil, der eine religiöse Erziehung dem Kinde angedeihen lassen wird, wird vom religiösen Richter bevorzugt werden, da dies seiner Ansicht nach zum Wohle des Kindes gereicht. Der laizistische Richter wird dies gegenüber anders beurteilen. Allgemein gesagt, die Erwägung der öffentlichen Ordnung wird aus der religiösrechtlichen Sicht anders beurteilt als von der staatsrechtlichen. Das Problem wird noch verschärft, wenn das religiöse Recht nur teilweise anwendbar ist. So zum Beispiel wird das strikte, religiöse Beweisrecht nie von staatlichen Gerichten angewandt. Die Folge davon ist, dass die Endlösung auch bei grundsätzlicher Anwendung des materiellen religiösen Rechts nicht identisch mit der eines Rabbinatsgerichts ist. Was geschah nun in der Wirklichkeit? Der Einfluss des jüdischen Rechts, außerhalb der Rabbinatsgerichtbarkeit ist minimal. Sprachlich gesehen werden natürlich Ausdrücke des traditionellen jüdischen Rechts in die moderne Gesetzgebung übernommen. Aber diese Verpflanzung erfolgt ohne die Wurzeln: Der juristische Begriff erhält seine Bedeutung ausschließlich aus dem Kontext des modernen Gesetzes. Des Öfteren stellt er eine Übersetzung eines pandektenrechlichen Begriffes oder eines Terminus aus der englischen Rechtstradition dar, die keinerlei oder nur wenig Beziehung zur traditionellen jüdischrechtlichen Bedeutung haben.

In einigen wenigen Fällen wurden ursprüngliche Begriffe mitsamt Lösungen übernommen, wie zum Beispiel das Gesetz über die "Hüter" (Schomrim), das ungefähr den Aufbewahrern im Rahmen eines Hinterlegungsvertrag des schweizerischen OR entspricht. Doch auch hier handelt es sich bloß um eine nur ganz teilweise Rezeption, da das Gesetz z.B. keine Schwurleistungen kennt, die zentral im jüdischen Recht sind. Trotz der biblischtalmudischen Terminologie scheint das Gesetz näher beim englischem bailment als beim rabbinischen Recht[3].

Ein gewisser Wandel hätte das oben erwähnte Gesetz über die Grundlagen des Rechts, 1980, bringen sollen, das zur Lückenfüllung auf das "Erbgut Israels" verweist. Die Interpretation dieses Gesetzes rief eine tiefgehende Kontroverse zwischen dem Präsidenten des Obersten Gerichthofes, Aharon Barak, und seinem damaligen Stellvertreter, Richter Menachem Elon, hervor[4]. Elon ist einer der großen Befürworter der Rezeption des jüdischen Rechts ins israelische Recht aus kulturell-religiösen Gründen. Elon interpretiert das erwähnte Gesetz als prinzipielle Öffnung zum jüdischen Recht, während Barak es als sehr beschränkte Lückenfüllung auffasst. Nach dem Wortlaut des Gesetzes besteht kein Zweifel, dass es sich im Sinne Baraks um eine bloße Lückenfüllung handelt: das Erbgut Israels kommt erst dann zum Zuge, wenn keine Lösung im Gesetz, in der Rechtsprechung oder auf dem Wege der Analogie gefunden werden kann. Dies beschränkt die Möglichkeit des jüdischen Rechts aufs äußerste. Nur in ganz seltenen Fällen besteht in diesem Sinne eine so genannte lacuna im Recht. Weiter noch: der Verweis erwähnt gar nicht ausdrücklich das jüdische Recht, sondern die Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit, Billigkeit und Friedens des Erbgutes Israels[5]. Juristisch gesehen ist ein solch allgemeiner Verweis höchst problematisch. Einerseits stehen einzelne Prinzipien zueinander in einem Spannungsverhältnis – Gerechtigkeit zur Billigkeit, wie auch zum Frieden[6] – anderseits, kann man kaum von solch generellen Begriffen eine konkrete Lösung ableiten, ohne ins ganz subjektive abzugleiten.

Ich selbst habe in einem Urteil die besondere Problematik der religiösen Dimension des jüdischen Rechts behandelt[7]. Ganz kurz der Sachverhalt: Es handelte sich um die Frage der ungerechtfertigten Verweigerung einer Unterzeichnung eines Vertrages nach langwierigen Verhandlungen, die zu einer mündlichen Zustimmung führten und nur noch der formalen Unterschrift harrten. Im juristischen Jargon eine culpa in contrahendo. Die Frage war ob die enttäuschte Partei einen Anspruch auf den positiven, vertraglichen Schadenersatz hatte, oder nur die Auslagen zurückerstattet erhalten konnte, das so genannte negative Interesse. Ich nahm an, dass im israelischen Recht in dieser Frage eine Lücke bestand. Was sagt nun das jüdische Recht dazu? Im jüdischen Recht wird ein gegen Treu und Glauben verstoßendes Zurücktreten von einem Versprechen, vor dem formellen Akt des Rechtsgeschäfts, mit rein moralischen Sanktionen geahndet. Die schuldhafte Partei wird öffentlich in der Synagoge mit einem Fluchspruch bedacht. Im jüdischen Lexikon wird es folgendermaßen dargestellt durch Markus Cohn: Die Einhaltung des gegebenen Wortes wird schon in der Bibel (Deut. 23, 24) als ethische Pflicht normiert. Wer das gegebene Wort nicht einhält, geht des Vertrauens verlustig (b. B. M. 49a). Nach dem Gesetz aber ist das Wort allein vor dem rechtskräftigen Abschluss eines Vertrages (z. B. durch Kinjan) nicht verpflichtend. Deutlich kommt nun dieses Hinausgehen über das strenge Recht zum Ausdruck in dem Mi-schepara-Bannfluch, welcher dann von den Richtern ausgesprochen wurde, wenn der Schuldige nach strengem Rechte noch nicht haftbar gemacht werden kann, obwohl er nach den Grundsätzen der Billigkeit zur Zahlung verpflichtet wäre. So wird in der Mischna (B. M. 4, 2) zwar das Recht zugestanden, von einem Kaufvertrag betr. Mobilien, bevor der Erwerbsakt vorgenommen wurde, zurückzutreten; es wird aber beigefügt: "Jedoch haben die Weisen gesagt, wer bestraft hat (mi schepara) die Männer der Sintflut und des Turmbaus, der wird einst auch den bestrafen, der sein Wort nicht hält." Weiter sagt der Autor: Das j. Strafrecht beschränkt sich ferner nicht auf die Feststellung strafrechtlicher Tatbestände und deren Ahndung durch den Richter, es sieht vielmehr auch göttliche Strafen vor, welche dann einzutreten haben, wenn dem menschlichen Richter die Möglichkeit zum Aussprechen oder zum Vollzug einer Strafe nicht zusteht. Sie berühren insofern das Gebiet von Treu und Glauben, als die Androhung bewirken soll, dass diese Handlungen unterlassen oder vorgenommen werden, obwohl eine vom menschlichen Richter zu vollziehende Strafe nicht zu gewärtigen ist.

Wie soll nun ein staatliches Gericht in einem solchen Fall entscheiden, wo er doch verständlicherweise solche religiöse Sanktionen nicht anordnen kann? Kann es im Rahmen des jüdischen Rechts, mutatis mutandis, die alternative Sanktion einer Entschädigung des positiven Interesses, also vertragliche Entschädigung, dem schuldigen Teil auferlegen, oder muss der Geschädigte leer ausgehen, da die in der religiösen Gesellschaft wirksame moralische Sanktion nicht anwendbar ist? Sie ist nicht nur deshalb nicht anwendbar, weil sie von einem staatlichen Gericht nicht auferlegt werden kann, sondern auch darum, weil diese Art Sanktionen in einer laizistischen Gesellschaft nicht effektiv ist. Was kümmert einen Nicht-Gläubigen ein religiöser Bannfluch?! Die Frage wie das staatliche Gericht entscheiden soll ist schwer zu beantworten, und sie illustriert die Problematik der Anwendung des jüdischen Rechts durch staatliche Gerichte.

Aus dem gesagten geht hervor, dass Bestrebungen, jüdisches Recht auf breiter Basis ins staatliche Recht Israels zu integrieren, keine Aussicht auf Erfolg haben konnten. Dies schließt jedoch einen Einfluss der jüdischen Tradition auf das heutige Recht keineswegs aus. Dieser Einfluss besteht, und soll auch bestehen, wo es sich nicht um rein technischjuristische Dimensionen handelt, sondern um grundsätzliche, ethische Entscheidungen. Hier kommt es nicht auf den Weg zur Lösung an, sondern auf die Art der Lösung selbst. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die jüdische Rechtstradition einen großen kulturellen Wert hat, der die Werte des Judentums geschmiedet und bewahrt hat. Hier befindet sich der zentrale Punkt für eine Einflussnahme. Die moderne Gesellschaft ist heute mit ganz grundsätzlichen Herausforderungen konfrontiert, die viele Bereiche des menschlichen Lebens betreffen. In der Tat, in Fragen der Bioethik wie Genetik, Arztethik, Transplantation, Abtreibung, Euthanasie, Fragen der Menschenwürde, des Familienlebens, der Erziehung, der Sexualität, kann und hat die jüdische, rabbinische Tradition die rechtlichen Lösungen beeinflusst und zur öffentlichen Diskussion wichtiges beigetragen. Hier sehe ich die Hauptaufgabe der jüdischen Tradition. Sie kann auf Grund ihrer jahrtausendalter Erfahrung eine Alternative zu modernen Tendenzen darstellen, Alternativen die geprüft werden müssen auch in wirtschaftlichen Bereichen, wo Individualität auf Kollektivität, Leistungsdenken auf Wohltätigkeitsgefühl, stoßen. Gerade letzthin, wo es in der israelischen Öffentlichkeit um Auslösung von Gefangenen ging, kann die jüdische Rechtstradition auf ihre große Erfahrung verweisen. Diese sollte in all diesen Fragen ernsthaft in Betracht gezogen werden.



[1] Prof. Dr. Englard war Richter am Obersten Gerichtshof Israels. Er hielt dieses Referat aus Anlass des 50. Todestages von Dr. Marcus Cohn (1890-1953) am 10. Dezember 2003 in der Universität Basel

[2] I. Englard, “Research in Jewish Law: Its Nature and Function”, Jewish Law Annual, Supplement I, Modern Research in Jewish Law (1980) 21, 22-27; A. Likhovski, “The Invention of ‘Hebrew Law’ in Mandatory Palestine”, 46 Am. J. Comp. L. (1998) 339.

[3] S. Renner, Bailees Law, 5727-1967 (1998) §2, p.27-28 (in hebräisch).

[4] H.C.J. 163590/ Jerczewski v. Prime Minister, 45(1) PD 749. Siehe auch M. Elon, "More About the Foundations of Law Act", 13 Shenaton Ha-Nishpat Ha-Ivri (1987) 227-256; A. Barak, "The Foundations of Law Act and the Heritage of Israel", ibid., 265-283; sowie die weiteren Beiträge von H. Ben-Menachem, H.H. Cohn, E. Shochetman, S. Shilo, P. Shifman, B. Schereschevsky (alle in hebräisch).

[5] Zur Geschichte des Gesetzes siehe A. Barak, "The Foundations of Law Act and the Heritage of Israel", supra note 4, S. 280-283.

[6] Cf. TB Sanhedrin 6, b.

[7] C.A. 6370/00 Kal Binjan Ltd. v. E.R.M. Raanana Lebnijah Wehaskara Ltd., 56(3) P.D. 289, 305-310 (2002).