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Über Uns

Tribüne

Zeitschrift zum Verständnis des Judentums

43. Jahrgang * Heft 170 * 2. Quartal 2004, Seite 28

Viktoria Pollmann

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“

Vom Missbrauch eines Zitats

Schlag – Gegenschlag. Terror – Gegenterror. „Auge um Auge, Zahn um Zahn...“  Ein Satz, der zur Chiffre, zum Codewort wurde. Zu Ursprüngen, Hintergründen, Wirkungen und Absichten dieser Chiffre in einer postchristlichen Medien- und Politikwelt  veranstaltete der Frankfurter Presse-Club (FPC) in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift TRIBÜNE am 14. April 2004 eine Podiumsdiskussion mit Professor Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Dr. Gabriel Miller, Experte für Jüdisches Recht im Fachbereich Jura der Goethe-Universität Frankfurt sowie Otto R. Romberg von der TRIBÜNE und Stephan Hebel, Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ und Vorstandsmitglied im FPC, der den Abend moderierte.


Wolfgang Benz eröffnete die Diskussion mit der These, dass der Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem 2. Buch Moses, Vers 21-23 zum Codewort geworden sei. Er werde jeweils zur Erklärung israelischer Politik aus alttestamentarischer Grundhaltung herangezogen – übrigens nur der israelischen Politik, wie Otto R. Romberg anmerkte. „Racheakte“ der Palästinenser würden üblicherweise nicht mit diesem Sprachschlüssel erklärt. Wie geläufig diese Metapher der Abgrenzung, diese Chiffre von Rache und Vergeltung in Printmedien und Fernsehen, in Schlagzeilen und Zwischentiteln, in den Zuschreibungen von Politikern aller politischen Parteien an die israelische Politik ist, wies Benz an Hand einer bedrückenden Vielfalt von Zitaten nach. Bedenkenlos –  im wörtlichen Sinne: ohne zu bedenken – wird eine Tradition antijüdischer Haltung aus der hebräischen Bibel, der von den Christen Altes Testament genannten Schrift hergeleitet und als klassisches, antijüdisches Stereotyp zur Diffamierung der rachedurstigen Juden missbraucht.


Für diesen Satz gilt laut Wolfgang Benz wie für andere derartige Floskeln auch, dass sie zu abgegriffen sind, um als harmlos zu gelten und dass nach Auschwitz kein naiver Umgang mit solchen antijüdischen Metaphern mehr möglich sein sollte. Zumal wenn man weiß, – sicher tut das die überwiegende Mehrzahl derer, die sie benutzen, nicht – dass Hitler 1942 sagte, zum ersten Mal in der Geschichte werde sich nun das altjüdische Rachegesetz gegen die Juden selbst richten. Wusste man das bislang nicht, so weiß man es jetzt - jedenfalls die Anwesenden. Die Anderen, Journalisten wie Politiker, die immer wieder den angeblich alttestamentarischen Rache-Gott gegen den Gott der Nächstenliebe des Neuen Testaments auszuspielen versuchen und glauben, damit auf christlichem Boden zu stehen, beweisen nur erstens ihr Unwissen – das Gebot der Nächstenliebe kommt ebenfalls bereits aus dem Alten Testament (Deuteronomium), denn woher, wie Gabriel Miller  trocken bemerkte, hätte es der jüdische Rabbi Jesus auch sonst nehmen sollen – als auch ihre Verwurzelung in der theologisch fundierten, christlich-antijüdischen Tradition. Hunderte von Jahren hat die christliche Kirche jüdische Stereotype tradiert, die zum Bodensatz kollektiver Selbstvergewisserung geworden sind und im politischen oder journalistischen Tagesgeschäft nicht mehr hinterfragt werden: der rachsüchtige Gott der Juden ist eines davon. Wenn ein bekannter SPD-Politiker sich mit der Einsicht schmücken zu dürfen glaubt, erst die Nächstenliebe des Neuen Testaments werde im Nahen Osten Frieden schaffen, so muss ihm keine missionarische Absicht unterstellt werden. Das hieße ihn zu überschätzen. Die unreflektierten Stereotypen, die solchen vermeintlich gebildeten Sätzen zugrunde liegen, entfalten jedoch ihre Wirkung auch absichtslos.


Gabriel Miller führte als Rechtshistoriker aus, was der gebildete Laie eigentlich schon gewusst haben dürfte: Der Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem zweiten Buch Mose war zu der Zeit, als er als Rechtsgrundsatz fixiert wurde, ein normativer Fortschritt gegenüber dem vorher geltenden geschlechtsrechtlichen Stammesstrafrecht. Die ausführlichen und detaillierten Vorschriften um Wiedergutmachung strafwürdiger Beeinträchtigungen von Leben, körperlicher Unversehrtheit und Besitz durch Menschen verschiedenen Standes und Geschlechts aus dem 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung stellten eine merkliche Zunahme individueller strafrechtlicher Verantwortlichkeit dar. Warum, so fragt Miller einleuchtend, sollen sich die Bewohner des Staates Israel nach über 3000 Jahren überhaupt noch für eine Strafrechtsnorm ihrer Vorväter rechtfertigen? Erwartet man von Italienern die Widerlegung altrömischer Rechtstafeln aus dem Jahre 500 vor Christus oder von den Deutschen eine Auseinandersetzung mit altgermanischem Thing-Recht? Sind jedoch Juden rachedurstig, weiß man warum: der Satz „Auge um Auge...“  ist die Formel für Rache schlechthin. Gesittete Leute sollen nicht auf Rache sinnen (sie tun es dennoch, wie jeder weiß), also sind, so Benz, die Juden mit dem Attribut rachedurstig hinreichend gekennzeichnet, nämlich als moralisch den Christen unterlegen. Dieser chiffrierte Verständigungsmechanismus auf christlich fundierter Grundlage wirkt selbst innerhalb der postchristlichen Mehrheitsgesellschaft weiter.


Wenn jedoch der inkriminierte Satz von Auge und Zahn ursprünglich ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen sei, so Stephan Hebel, dürfe man fragen, ob und inwieweit die israelische Politik diesem Grundsatz selbst entspreche. Gabriel Miller nahm den Faden seiner rechtshistorischen Ausführungen wieder auf und erklärte, es gebe keinerlei Belege in der hebräischen Bibel, dass er in der jüdischen Rechtsgeschichte überhaupt je als Verfahrensgrundsatz angewandt worden sei. Außerdem sei Rache keine akzeptierte Denkkategorie für Militäraktionen.


Warum haben manche Leute überhaupt solche Probleme mit der Differenzierung zwischen Israel-Kritik – verstanden als Kritik an einer bestimmten israelischen Regierung und ihrer Politik – und dem Antisemitismusvorwurf? Stehe, gibt Wolfgang Benz zu bedenken, dahinter nicht die Angst vor eigenen, dem Bewusstsein nicht ohne Weiteres zugänglichen antisemitischen Emotionen? Benz sprach von einem „Erlösungs“-Antisemitismus: wenn „schuldige“ Juden gefunden werden, ist die Konfrontation mit subkutan empfundener eigener Schuld weniger unerträglich.


Welche Schlüsse sind zu ziehen? Die entscheidende Konsequenz aus diesen Überlegungen verlangt, sich seiner eigenen Sprache und der hinter den Worten liegenden Gedanken und Emotionen bewusst zu werden. Die gewählten Formulierungen müssen reflektiert sein. Chiffren, die nach dem Holocaust nicht unbelastet sind, müssen vermieden werden. So, wie wir in politischen Zusammenhängen nicht mehr von Ausmerzen, Liquidieren oder Sonderbehandlung reden sollten, müssten wir auch bei Zuschreibungen von charakterlichen Eigenschaften an Kollektive nicht bedenkenlos vorgehen. Ein guter Journalist, ein verantwortlicher Politiker hat zu bedenken, was er sagt und schreibt. Sich auf mündlich tradiertes „Volksgut“ zu berufen, zeigt mindestens die eigene Unbedarftheit, so das Fazit des Abends.