Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Drohung oder guter Rat?

 

Ein Mahnwort von Moses und dessen Anwendung durch die Talmudgelehrten.

Im 5. Buch der Tora erinnert Moses die Kinder Israel an die Geschehnisse am Berge Sinai und an die offenbarten Gesetze und ermahnt sie, kein Bildnis von Gott zu machen:

Und der HERR redete mit euch mitten  aus dem Feuer. Seine Worte hörtet ihr, aber ihr saht keine Gestalt, nur eine Stimme war da. Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch gebot zu halten, nämlich die Zehn Gebote, und schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln. Und der HERR gebot mir zur selben Zeit, euch Gebote und Rechte zu lehren, dass ihr danach handelt in dem Lande, in das ihr zieht, es zu übernehmen. So hütet euch nun wohl - denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb -, dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht… (5. Mose Kap. 4, 12-16)

Mit den Worten „hütet euch nun wohl“ ermahnt Moses das Volk und droht gleichzeitig, dass bei Übertretung der Gebote etwas Schlimmes passieren würde. Wie es auch am Ende des Kapitels explizit ausgesprochen wird: Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott.

Die Rechtsgelehrten der Talmudzeit haben den Worten „so hütet euch nun wohl“ eine neue Bedeutung verliehen. Nicht dass sie den Sinn der mosaischen Ermahnung geändert hätten, sie haben diese Worte aus dem Zusammenhang gelöst und sie als eine Gebot zur Wahrung der Gesundheit und Unversehrtheit des Menschen herausgestellt. Diese Worte (im Hebräischen sind es lediglich zwei – venischmartem lenafschotechem) wurden sprichwörtlich und zu einer der wichtigsten Maximen des jüdischen Rechts.

Im Talmudtraktat „Segensprüche“ (Berachot 32 b) wird eine Anekdote erzählt, in der diese Worte zitiert werden. Obschon es hier nicht um die Gesundheit, sondern um das Gebet und dessen Wichtigkeit geht, lässt sich mit dieser Geschichte diese Maxime illustrieren:

Einst ereignete es sich, dass ein Frommer unterwegs war und zur Gebetsstunde anhielt und am Wegesrand betete, und als ein römischer Offizier herankam und ihn grüßte, erwiderte er ihm den Gruß nicht. Der Offizier wartete, bis er sein Gebet beendet hatte und sprach zu ihm: Dummkopf, heißt es nicht in eurer Tora: So hütet euch nun wohl. Warum hast du meinen Gruß nicht erwidert? Wenn ich dein Haupt mit einem Schwert abgeschlagen hätte, wer würde mich zur Rechenschaft ziehen? Der Fromme erwiderte: Warte etwas, ich will dich mit Worten besänftigen. Und so sprach er: Wenn du vor einem König aus Fleisch und Blut stündest und dein Freund käme und dich grüßte, würdest du ihm erwidern? Der Offizier verneinte. Und wenn du den Gruß erwidern würdest, was würde man dir tun? Der Offizier antwortete: Man würde mir mein Haupt mit einem Schwerte abschlagen. Der Fromme sprach dann zu ihm: Ist es hier nicht der Fall, dass man vom Leichteren auf das Schwerere folgern kann? Wenn du vor einem König aus Fleisch und Blut stündest, der heute hier und morgen im Grabe ist, würdest du so verfahren, um so mehr gilt es für mich, der ich vor dem König aller Könige, der ja in alle Ewigkeit existiert, gestanden habe. Der Offizier ließ sich daraufhin besänftigen, und der Fromme verabschiedete sich und ging in Frieden nach Haus.