Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rauchen und Rauchverbot

 

Dass das jüdische Recht keine Verbindlichkeit für alle Juden hat und dass zu Zeiten von Moses oder Maimonides das Rauchen unbekannt war, muss nicht ausdrücklich betont werden. Trotzdem fragen sich gläubige Juden nicht erst neuerdings sondern bereits seit zweihundert Jahren, wie sich das Rauchen mit dem jüdischen Recht verhält.

Zunächst wurde das Rauchen in einem rein religiösen Bezug behandelt. Es wurde zum Beispiel die Frage aufgeworfen, ob man vor dem Rauchen einen Segensspruch sagen muss. Der gläubige Jude wird angehalten, bei fast jeder Gelegenheit im täglichen Leben einen Segen auszusprechen; so selbstverständlich vor dem Verzehr von Lebensmitteln und vor anderen Genussfreuden. Unter diesem Gesichtspunkt gab es Meinungen, die den Duft des Zigarettenrauchs als Genuss betrachteten, und so manch ein Rabbiner sprach sogar von einer Verdauungsförderung durch das Rauchen.

Anfang der sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sich die medizinischen Erkenntnisse über die durch das Rauchen verursachten Gesundheitsschäden mehrten, begannen auch die jüdischen Gelehrten, sich dem Rauchen gegenüber reserviert zu äußern. Rabb. Mosche Feinstein, eine der maßgeblichen Autoritäten in der jüdischen Orthodoxie meinte: „Da die Gefahr durch das Rauchen nicht so groß ist, das man es verbieten muss, und da lediglich die Möglichkeit einer Erkrankung besteht, sollte man sich davor in Acht nehmen“.

Rabb. Feinstein, wie auch die anderen jüdischen Gelehrten, folgten dem Urteil der Ärzte. Seinerzeit lag die Gesundheitsgefährdung durch das Rauchen nicht eindeutig fest und da viele Menschen an das Rauchen gewöhnt waren und es genossen, erschien ein Verbot unverhältnismäßig. Zudem bestand und besteht durch das Verbot, am Schabat zu rauchen, schon eine Einschränkung. Trotzdem - eine gewisse, unbestimmte Selbstgefährdung war mit dem Rauchen verbunden, deshalb folgten die Rabbiner der Regel, die der Talmud als Ausweg für solche Fälle benutzt: „der HERR behütet die Naiven“ (Psalm 116, 16). Man verlässt sich also auf das Glück, dass schon nichts Schlimmes passieren wird.

Konsequenterweise ergibt sich aus dieser Einstellung die Schlussfolgerung, dass bei einer eindeutigen Gesundheitsgefahr, das Verbot des Rauchens angezeigt wäre. Tatsächlich hat Rabb. Feinstein nach zehn Jahren sein erstes Urteil revidiert.

Nach und nach mehrten sich in den letzten Jahren die medizinischen und statistischen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Rauchen, Lungenkrebs und anderen Krankheiten, die nicht selten zum Tode führen. In den jüdisch-orthodoxen Kreisen, im Gegensatz zur jüdisch säkularen Gesellschaft, wartet man oft nicht auf die Handlung seitens des Staates, sondern sucht Rat in den Rechtssprüchen der Rabbiner und Rechtsgelehrten. Nun mehrten sich auch die Anfragen an die jüdischen Rechtsgelehrten zum Thema Rauchen. Es wurden viele Aspekte der Problematik behandelt: Neben der Selbstgefährdung auch die Gefahr für die Passivraucher; Fragen der Abhängigkeit und der möglichen Entwöhnung; das Rauchen in öffentlichen Räumen und vieles andere.

Wenn wie im vorliegenden Fall die Gesundheit der Menschen, die Gefahr für Leib und Leben thematisiert werden, stehen im Vordergrund Maximen des jüdischen Rechts, die als Richtlinien dienen und von denen man kaum abweichen kann. Als erstes sollen die biblischen Worte „so hütet euch nun wohl“ (5. Mose 4, 16) erwähnt werden. Diese Worte werden bereits seit der Zeit des Talmuds (ca. 3. Jhd) so verstanden, dass Gott die Menschen ermahnt, alles zu unterlassen, was ihnen (ihrer Gesundheit und Unversehrtheit) schaden könnte. Maimonides (der im 12. Jhd nicht nur Philosoph sondern auch ein großer Mediziner war) hat die folgenden Regeln formuliert: „Die Weisen haben vieles verboten, weil es eine Lebensgefahr darstellt. Wenn aber einer sagt, ich bringe mich selbst in Gefahr und es geht die anderen nichts an, wird er ausgepeitscht“ und „es ist der Wille des HERRN, dass der Mensch nach Gesundheit strebt und sich vor krankmachenden Dingen entfernt.“ Der Verfasser des Chafez-Chajim (1839-1933) hat sich bereits zum Rauchen geäußert: „Die Talmudgelehrten sagten (Baba-Kama 92), wenn jemand sich selbst beschädigt, geht er unbeschadet aus, denn wem sollte er auch Schadensersatz zahlen. Jedenfalls sagten sie, dass er nicht befugt ist, sich zu beschädigen, einmal, weil es heißt, so hütet euch nun wohl, ferner, es heißt doch, dass ER das Universum und uns zu seiner Ehre und zu seinem Dienst geschaffen hat. Wieso soll der Knecht nach eigenem Gutdünken handeln, er gehört doch seinem Herrn, und wenn er durch das Rauchen seine Kräfte mindert, wird er am Ende vor Gericht Rechenschaft abgeben müssen.“

Bei einer Tagung über „Rauchen und Herzkrankheiten“ im Januar dieses Jahres in Jerusalem, an der Mediziner und Rabbiner teilnahmen, referierte der Oberrabbiner Israels, Rabb. Jona Metzger, über den Stand der Halacha, des jüdischen Rechts, zum Thema, wobei er zu dem Schluss kam, dass das Rauchen nach jüdischem Recht als eine religiöse Übertretung verboten ist. In Beantwortung der Frage eines Teilnehmers erwiderte der Oberrabbiner, dass man sogar über das Verbot des Verkaufs und Vertriebs von Zigaretten nachdenken sollte. Zur Erörterung soll noch hinzugefügt werden, dass das Aussprechen von Urteilen nicht zum Zuständigkeitsbereich des Oberrabbinats gehört, diese werden vielmehr von den Rabbinatsgerichten und von Rabbinern und Rechtsgelehrten in Form von Rechtsgutachten gefällt. Das Oberrabbinat und seine Einstellung zu Problemen des täglichen Lebens haben trotzdem eine starke Wirkung auf die gläubigen Juden in Israel.