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Allgemeine Jüdische Zeitung, Nr. 11/96, 30 Mai 1996, S. 10

Mit dem Talmud unterm Arm in die Uni

Nicht nur für Juristen:
Gabriel Miller bietet in Frankfurt am Main ein Seminar über jüdisches Recht an

Manche Dinge gibt es nur noch im Fernsehen. Vor einem Jahr lief bei Sat 1 die Serie „Picket fences”, in der das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt aufs Korn genommen wird. In einer UnterrichtEpisode sollte ein jüdischer Rechtsanwalt aus der Gemeinde ausgeschlossen werden, weil er bei einer Beerdigung einen Witz erzählt hatte. Auf einen Antrag des Beschuldigten hin ließ der Gemeinderabbiner eine alte jüdische Tradition aufleben: Er berief einen Bet Din (Toragericht, Schiedsgericht, s. auch Jüdisches Lexikon auf dieser Webseite) ein. Das Schiedsgericht endete mit einem weisen Urteilsspruch nach jüdischem Recht: Der Beklagte, so sprach der Rabbiner, solle künftig seine Zunge hüten.

„In Deutschland gibt es so etwas nur noch selten, sagt Gabriel Miller .Selbst in jüdischen Gemeinden werden Streitigkeiten heutzutage meistens vor weltlichen Gerichten ausgefochten. Die Rechtsprechung nach dem Talmud, glaubt er, sei hierzulande zu einer theoretischen Angelegenheit geworden.

Raum 101 der juristischen Fakultät an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität im Frankfurter Stadtteil Bockenheim hat sich der Jurist aus Tel Aviv an diesem Montag wieder mit zehn jungen Menschen zu einem besonderen Jura-Seminar getroffen: Miller erklärt ihnen das jüdisch Recht.

Doch eigentlich ist er Rechtsanwalt. Seine Kanzleien in Tel Aviv und Frankfurt am Main vertreten vor allem die Rechte von Deutschen in Israel und von Israelis in Deutschland. „Ich pendle normalerweise ständig zwischen den beiden Lindern", sagt er. Doch wegen dieses Seminars habe er jetzt seinen Wohnsitz für längere Zeit in die Mainmetropole verlegt: „Es wird wohl auch in den kommenden Semestern angeboten werden“, kündigt er an.

„Ich glaube, so ein Angebot gibt es an keiner anderen juristischen Fakultät in Deutschland“, berichtet der Dozent. Die Idee dazu hatte ein Bekannter - der Frankfurter Universitätsprofessor Erhard Denninger. „Er hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, so etwas zu machen”, erinnert sich Miller. „Ich habe natürlich Ja gesagt." Obwohl seine Arbeit als Dozent eher den Charakter des Ehrenamtlichen hat: Seine Aufgabe ist die eines Lehrbeauftragten ohne finanziellen Ausgleich. „Das macht mir aber überhaupt nichts aus", sagte er. Es geht mir nicht ums Geld." Die Aussicht, den Studentinnen und Studenten einen neuen Blickwinkel zu erschließen, habe ihn gereizt. „Ich hoffe, dass ich sie dazu bringen kann, einmal über ihren eigenen Horizont zu schauen“.

Denn auch deutschen Juristen können Kenntnisse in Struktur und Arbeitsweise anderer Rechtsformen beim täglichen Umgang mit der Gerechtigkeit nicht schaden. Dieser Ansicht sind auch die Studentinnen und Studenten: „Ich sehe viele Vorgänge in einem ganz anderen Licht, seit ich mich mit dem Talmud befasse”, hat Claudia Ewers festgestellt.

Sie ist eine von bis zu 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die das Seminar regelmäßig montagnachmittags besuchen. Dieses wird zwar von der juristischen Fakultät veranstaltet, doch nicht alle Studierende sind angehende Juristen: Unter ihnen sind auch Germanisten, Judaistik- oder Geschichtsstudenten. Teilnehmen darf jeder, der an der Frankfurter Universität ordnungsgemäß als Student oder Gasthörer eingeschrieben ist. „Ich bin mit der Resonanz sein zufrieden”, betont der Dozent. „Immerhin ist es das erste Mal, dass das Seminar angeboten wird.”

Zwar können die Studierenden einen Leistungsschein bekommen, jedoch werden sie nicht verpflichtet, dieses Seminar zu besuchen. „Für meinen Unterricht müssen die Studentinnen und Studenten schon Interesse mitbringen, sonst hat das gar keinen Sinn“, sagt Miller.

Dafür erklärt er ihnen einmal in der Woche zwei Stunden lang, wie das jüdische Recht entstanden und wie es aufgebaut ist. „Ich konzentriere mich dabei auf die säkulare, also die weltliche Rechtsprechung im Judentum”, erklärt der Dozent. „Ich vermittle den jungen Leuten die Grundlagen, auf denen das jüdische Recht beruht.” So erfahren die Studierenden vor allem etwas über Entstehungsgeschichte und Aufbau des Talmud. „Ich erkläre aber auch, welche Denkweise hinter der Rechtsprechung steckt.”

An diesem Montag hat er den Studentinnen und Studenten ein Beispiel vorgelegt: Es geht um die Schmitta, das Gebot des siebten Jahres, in dem der Boden brachliegen soll und sämtliche Schulden verfallen - ein Gesetz mit nicht nur positiver Wirkung: „Weil ja alte Schulden verfielen, wollte niemand mehr Geld verleihen”, sagt Miller. „Deshalb wurde festgelegt, dass Schulden vor Beginn des sieb­ten Jahres gerichtlich einklagbar waren.”

Oliver Eberhardt