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Forschungsstelle für jüdisches Recht - Marcus Cohn

Justitia
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Anfänge - Kain und Abel

Wo beginnt das jüdische Recht?

Kain und Abel

Die Geschichte dieses Brudermordes kann in wenigen Worten beschrieben werden (Bibeltext hier klicken):

Kain und Abel sind die Söhne des ersten Menschenpaares auf Erden – Adam und Eva. Kain ist Ackerbauer und Abel Viehzüchter. Als beide aus ihren Erträgen Opfer darbringen, bevorzugt Gott das Opfer Abels. Das erregt den Neid Kains; trotz göttlicher Warnung erschlägt er den Bruder. Zur Strafe muss er unstet durch die Lande ziehen. Auf sein Gebet hin wird ihm ein gewisser Schutz zugestanden, indem er mit einem Mal gekennzeichnet und seine Tötung mit Blutrache bedroht wird.

Diese Erzählung muss in einer Zeit entstanden sein, in der die Israeliten noch Halbnomaden waren. Hier kommt der Antagonismus zwischen den Ackerbauern und den Viehzüchtern zum Ausdruck, wobei für den Viehzüchter Partei genommen wird. Dieser Text soll nach der Bibelwissenschaft ursprünglich eine selbständige Erzählung und ein besonders alter Bestandteil der biblischen Quellen sein.

Eine Besonderheit dieser Erzählung ist das Fehlen jeden Bezugs zum jüdischen bzw. mosaischen Recht. Sie ist ein Teil der altertümlichen Literatur und altertümlich wirkt auch die Darstellung, die sich durch Wucht und Bildhaftigkeit auszeichnet.


Kain und Abel

Kain erschlägt Abel, eine Miniatur aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts


Für den Rechtshistoriker, der nach Modellen für das Entstehen von Rechtsvorstellungen in der Frühzeit sucht, bietet diese Erzählung interessante Anhaltspunkte und Fragestellungen:

  • - Ist das Wissen, unrecht zu handeln, ein Selbstverständlichkeit? Ist die Tat von Kain ein Unrecht an sich – malum per se, oder ein Vergehen, das erst durch eine Norm verboten werden muss – malum prohibitum?
  • - Wurde die Tat Kains milde und eher nachsichtig behandelt?
  • - Welche Folgen hat der Ausschluss aus einem Familienverband in der Frühzeit? Gibt es Parallelen zur Strafe der Friedlosigkeit, Rechtlosigkeit, Vogelfreiheit in der deutschen Frühgeschichte?
  • Wie verhält sich die Strafe zur Provokation? Gibt es einen mildernden Umstand? Ist die Ermahnung zur Selbstbeherrschung oder die Warnung eine Anregung zur sozialen Kontrolle?
  • Gab es da bereits ein Strafrecht? Wenn nicht, warum?
  • Es gibt wichtige Gemeinsamkeiten im Recht der Frühzeit der Völker. Diese sind zu finden im mesopotamischen und im antiken hebräischen Recht, bei Homer und bei den Germanen.
  • Vorstellungen von Recht und Unrecht, von Gerechtigkeit kommen den unseren sehr nahe.
  • Gerechtigkeit ist eng verbunden mit Moral, mit Wissen von Gut und Böse. Wann beginnen sich Recht und Moral zu entfalten?
  • Welche Funktion hat das Recht der Frühzeit? Ordnungsfunktion, Gerechtigkeitsfunktion, Herrschaftsfunktion, Herrschaftskontrollfunktion?
  • Recht und Religion sind nirgendwo in der Antike so eng miteinander verbunden gewesen wie bei den Juden, wobei der Rechtshistoriker in dem von Gott gegebenen Recht Gewohnheitsrecht sieht, zum großen Teil auch Stammesrecht einer segmentären Ordnung.
  • Drohung mit Rache oder Blutrache als soziale Kontrolle?
  • Welche Rolle wird Gott in dieser Erzählung zuteil? Ist er das Haupt eines Familienverbandes, das die Aufgaben eines Mahners, Anklägers und Richters hat?